Demokratie im Rückwärtsgang

Johannes Agnolis »Transformation der Demokratie« gilt als APO-Bibel – und ist noch heute lesenswert

»Was macht der Agnoli da, der unterhält sich mit diesen Leuten über Fußball, statt über die Revolution.« In einem Interview aus dem Jahr 1990 gibt der Politikwissenschaftler Johannes Agnoli diese Anekdote zum Besten, die sich im Republikanischen Club, einem Verein der Außerparlamentarischen Opposition (APO), auf dem Höhepunkt der Revolte von 1968 in Berlin zutrug. Die Gründer des Clubs, unter ihnen Hans Magnus Enzensberger, verstanden sich als Intellektuelle. Ein Fußballspiel anzuschauen, das »war da praktisch verboten«, so der Fußballfan Agnoli im Rückblick. Weiterlesen

Vollgeld – was ist das denn?

»Eigentlich ist es gut, dass die Menschen der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh«, sagte einst der Industrielle Henry Ford. Rund 70 Jahre nach seinem Tod hat sich am ersten Teil seiner Aussage wenig geändert. Umfragen zufolge glaubt eine große Mehrheit der Bevölkerung, dass nur Staaten oder Zentralbanken Geld schöpfen können. Nur wenige wussten, dass private Banken ebenfalls Geld erzeugen. Die meisten Menschen – und alle Lehrbücher der Mainstream-Ökonomie unterstützen sie darin – wähnen sich daher in einem Geldsystem, das mit der Realität wenig zu tun hat. Weiterlesen

Wo Trump Recht hat: Freihandel als Ideologie

Auge um Auge, Zahn um Zahn: Nach diesem alttestamentarischen Grundsatz geht es derzeit im Handelskonflikt zwischen den USA und China zu. Als US-Präsident Donald Trump Anfang April 25prozentige Strafzölle auf chinesische Hightechgüter in Höhe von 50 Mrd. US-Dollar ankündigte, kam aus Peking umgehend die Retourkutsche. Auf Waren aus den USA, vornehmlich Agrarprodukte, würden dann ebenfalls Abgaben in dieser Höhe fällig werden. Daraufhin beklagte sich Trump über „unfaire Vergeltungsmaßnahmen Chinas“ und wies seinen US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer an, neue Sonderabgaben auf Einfuhren aus der Volksrepublik im Wert von gar 100 Mrd. Dollar zu prüfen. Weiterlesen

Hamburg unter roten Fahnen

In der Hansestadt wird mit der Ausstellung »Revolution! Revolution?« recht einseitig an den Umbruch 1918 erinnert

Das Symbol der Revolution ist die rote Fahne. Als vor 100 Jahren die Novemberrevolution von Kiel ausgehend Hamburg erreichte, wurden auch hier rote Fahnen geschwenkt. Ab dem 11. November 1918 wehte sie gar am Hamburger Rathaus. Was symbolisch als Sieg der Revolution erscheinen mag, ist es indes nicht. Alle Macht den Räten? Das galt in Hamburg nur für fünf Tage. Dann setzten die Räte die alten Institutionen – Bürgerschaft und Senat – wieder ein, wenngleich sie sich ein Kontrollrecht vorbehielten. Mit den Neuwahlen zur Bürgerschaft Mitte März lösten sich die Arbeiter- und Soldatenräte wieder auf, die rote Fahne wurde eingezogen. Weiterlesen

Eine Weihnacht mit Marx

Zum Tod des einflussreichen linken Politikwissenschaftlers Elmar Altvater (1938-2018)

1961 muss ein Student der Soziologie und Ökonomie in München einsame Weihnachten verbracht haben. Geld, um zu den Eltern ins heimatliche Kamen im Ruhrgebiet zu fahren, gab es nicht. Geld für die Heizung auch nicht. Sein Vater war Bergarbeiter. Mit Jobs als Liegewagenschaffner und auf dem Bau waren keine großen Sprünge zu machen. Doch diese Weihnachten sollten für den 23-jährigen Elmar Altvater prägend werden. Weiterlesen

Gegen das ewige Wachstum

Vor 50 Jahren wurde der Club of Rome gegründet

Sie verstanden sich nicht als Revolutionäre – ganz im Gegensatz zu den AktivistInnen der 68er-Revolte. Und doch war ihr Wirken nicht minder folgenreich. Als in Deutschland die Schüsse auf Rudi Dutschke fielen, schlossen sich in Rom im April 1968 Wissenschaftler und Unternehmer im Club of Rome zusammen. Schlagzeilen produzierte dieser zunächst nicht. Erst vier Jahre später, mit dem Buch »Die Grenzen des Wachstums«, verfasst von einem Autorenteam um Dennis und Donella Meadows, gab es diese – und das nicht zu knapp. Der Bericht war, wie es so schön heißt, »eine Bombe im Taschenbuchformat«. Weiterlesen

Platzt die US-Autokreditblase?

Ein alter Wall Street-Witz macht derzeit wieder die Runde: Wer noch einen fühlbaren Pulsschlag nachweisen kann, bekommt einen Kredit. Der Witz macht auf eine Entwicklung aufmerksam, die bei Ökonom_innen – auch in Deutschland – für Stirnfalten sorgt: Immer mehr US-Bürger_innen kaufen sich ein Auto auf Pump. Das wird ihnen leicht gemacht, da die Kredite ihnen förmlich aufgedrängt werden. Auf Sicherheiten achten die Kreditgeber dabei immer weniger, weil sie Rendite sehen wollen und bei zu viel Sorgfalt eben ein Konkurrent den Kreditvertrag abschließt. Weiterlesen

Profite mit der grünen Scheinwelt

Auf den ersten Blick mag es so scheinen, dass die Ökologiebewegung der 1970er Jahre auf ganzer Linie gesiegt hat: Umweltschutz ist in aller Munde. Es gibt Umweltminister, Umweltgesetze, ökologische Verordnungen und die UN-Klimaverhandlungen. Und so gut wie alle Unternehmen haben Bio- und Öko-Produkte im Sortiment. »Alles, was einmal als schädlich und schändlich galt, dient heute der Weltrettung. Thunfischsteaks, dicke Autos, die Formel 1, Aktienfonds, Flugreisen, Pelzmäntel… – all das gibt es heute auch in ›nachhaltig‹, ›grün‹ oder ›verantwortungsvoll‹«, stellt Kathrin Hartmann in ihrem neuen Buch »Die Grüne Lüge« fest. Weiterlesen

Auf den Zusammenhang kommt es an

Protektionismus und Freihandel können nicht isoliert bewertet werden. Eine Antwort auf Steffen Stierle und Wiljo Heinen (»nd« vom 9. und 21.3.)

Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn, heißt es. Ist das Korn des US-Präsidenten eine neue Zollschranke? Einige Linke können den Handelsbeschränkungen von Donald Trump durchaus etwas Positives abgewinnen. So meint Steffen Stierle, darin ein Ende des neoliberalen Globalisierungsmodells an seine Grenzen stoßen zu sehen. Die einzig tragfähige wirtschaftspolitische Konsequenz sei eine Rückbesinnung auf den Binnenmarkt. Weiterlesen

Aus vier macht zwölf!

Schon vor dem jüngsten Facebook-Skandal wurde über die Zerschlagung der großen Tech-Konzerne debattiert

Im November 2016 sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg: »Ich persönlich glaube, die Überzeugung, dass Fake-Nachrichten auf Facebook die Wahl in irgendeiner Art und Weise beeinflusst haben könnten, ist verrückt.« Schon damals, als heftig über die vermeintliche Manipulation der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl durch russische Hacker mithilfe des sozialen Mediums debattiert wurde, mutete diese Äußerung seltsam an. Weiterlesen