Eingelullt in der Gegenwart

Seit wenigen Jahren wächst das Unbehagen an der ritualisierten NS-Erinnerung: Warum?

Eigentlich sollte man als Linker ja froh sein. Endlich erinnert die politische Elite Deutschlands nach jahrzehntelangem Schweigen in der Nachkriegszeit nunmehr ausgiebig an Auschwitz, Holocaust und Weltkriegsschuld. Und mahnt, die Verbrechen des von ihr Nationalsozialismus genannten deutschen Faschismus nicht zu vergessen. Weiterlesen

Politisierung und Vergegenwärtigung des Gedenkens

Dana Giesecke/Harald Welzer, Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur, Körber-Stiftung, Hamburg 2012, 187 S., 15 Euro; Margrit Frölich/Ulrike Jureit/Christian Schneider (Hrsg.), Das Unbehagen an der Erinnerung – Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust, Brandes & Apsel, Frankfurt/Main 2012, 239 S., 24,90 Euro.

Seit rund einem Jahrzehnt ist ein fundamentaler Wandel im Umgang mit den präzedenslosen Verbrechen des Nazi-Faschismus festzustellen. Weiterlesen

Die Geschichte blamiert die Idee

Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. C.H. Beck, München 2012, 606 S., 29,90 Euro.
Gruppe INEX (Hrsg.), Nie wieder Kommunismus?, Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Unrast, Münster 2012, 228 S., 14,80 Euro.

Es mag auf den ersten Blick nicht einleuchtend erscheinen, diese beiden Bücher zusammen zu besprechen. Das eine – »Verbrannte Erde« –, in einem großen Verlag erschienen, von dem etablierten Historiker Baberowski verfasst, bereits viel besprochen und mit dem Leipziger Preis der Buchmesse ausgezeichnet, ist eine historische Studie der Gewaltherrschaft Stalins, die auf dem jüngsten Stand der wissenschaftlichen Forschung beruht.  Weiterlesen

Moralisch Maß nehmen

In den 1950er Jahren wurden in Nürnberg die Steine einer zerstörten jüdischen Synagoge für den Bau eines Denkmals zum Gedenken an die deutschen Bombenopfer genutzt. Dieses Beispiel macht anschaulich, was der Essayist und Journalist Eike Geisel über die Situation der frühen Bundesrepublik in folgende Worte fasste: »Die Deutschen hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.«
Insbesondere der Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte in den letzten Kriegsjahren bot sich an, um in diese Opferrolle zu schlüpfen. Weiterlesen

Im Zweifel für Ernst Nolte

Gemeinhin gilt der Ausgang des Historikerstreits als klar: Die sozialdemokratische und liberale Linke um Jürgen Habermas und Hans-Ulrich Wehler fuhr einen Punktsieg gegen Ernst Nolte (und andere neurechte Historiker) ein, der den Holocaust mit der These vom »kausalen Nexus« zwischen bolschewistischen Verbrechen und Auschwitz aus der Kontinuität deutscher Geschichte entfernen wollte. Im Zuge des Historikerstreits konnte sich die These von der Singularität des Holocaust etablieren, die freilich mehre Bedeutungen hat. Weiterlesen

„Rechts, wo die Mitte ist“

In dem Aufruf „Erinnern und Handel. Für mein Dresden“ der Oberbürgermeisterin der Elbmetropole heißt es: “ Wir erinnern an die Zerstörung des Dresdner Stadtzentrums zwischen dem 13. Und 15. Februar 1945 durch alliierte Luftangriffe, an den Tod mehrerer Zehntausender Menschen und das Leid der Überlebenden.“ In dem Mobilisierungsflyer „Gegen Krieg, Bombenterror und Vertreibung“ der (gemäßigt) neofaschistischen Jungen Landsmannschaft Ostdeutschlands (JLO) wird zum Gedenken „der vielen Tausend Toten“ aufgerufen, die durch die Bombenangriffe umkamen. Weiterlesen

Totalitarismus und Unrechtsstaat

Gelegentlich muss man der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für ihre Deutlichkeit einfach dankbar sein. So zum Beispiel, als sie dem ehemaligen Wehrmachtssoldaten und emeritierten Rechtsgelehrten und -philosophen Gerd Roellecke Raum gab, seine Meinung darzulegen zu der in der Öffentlichkeit intensiv diskutierten Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei (15.6.2009). Selbstredend war sie es. Doch nicht diese Antwort ist für das konservative Lager und ihre Publikationen so bemerkenswert, sondern die Art und Weise der Begründung. Kern von Roelleckes Argumentation war ein Vergleich der von ihm unter der Kategorie „Unrechtsstaat“ subsumierten NS- und SED-Regime. Das freilich ist seit dem Anschluss der DDR an die BRD Mainstream, wenngleich zumeist in einer modernisierten (neo)konservativen oder auch liberalen Version, die, um den Vorwurf der NS-Relativierung prophylaktisch zu entkräften, die Singularität und Unvergleichbarkeit der von den Nazis und ihren willigen Vollstreckern begangenen Massenmorde rhetorisch anerkennt. Weiterlesen

Neues Heldengedenken

Die Deutschen gedenken am liebsten ihrer selbst. Und nicht etwa derer, die von ihnen in das „Grab der Lüfte“ befördert wurden. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gerierte man sich als Verführte des Dämonen Hitler und klagte über eine „ungerechte“ Besatzungspolitik und die Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten. Die Vernichtung des europäischen Judentums sickerte erst mit der Ausstrahlung der vierteiligen Fernsehserie „Holocaust“ ab 1979 in das kollektive Gedächtnis ein, von dem Völkermord an den Sinti und Roma lässt sich dieses nicht behaupten. Weiterlesen

Aus der Geschichte lernen?

Nur wenige Wochen nach dem Party-Patriotismus der Fußballweltmeisterschaft, der weitgehend als Indiz für den nunmehr unverkrampften Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte gedeutet wurde, ist mit dem Eingeständnis Günter Grass’, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, eine Debatte über das Verhältnis zum Nationalsozialismus wieder aktuell geworden. Fast genau 20 Jahre nach Ernst Noltes – den Auftakt für den Historikerstreit gebenden – Klagen über die Vergangenheit, die nicht vergehen will, scheint die deutsche Öffentlichkeit sich derzeit mitten in einer neuen geschichtspolitischen Kontroverse zu befinden. Schon frohlockt der Protagonist des rechts-konservativen Lagers aus dem Historikerstreit in einer italienischen Zeitung – hierzulande ist er mittlerweile sogar der FAZ zu weit rechts -, die Grass-Diskussion sei ein Anzeichen dafür, dass die von ihm seit 1986 vorausgesagte Verschiebung der herrschenden Begriffe nun eingetreten sei (vgl. FAZ, 17.8.2006). Anlass genug, zu fragen, ob dem tatsächlich so ist.  Weiterlesen