Abtrünnige Chefdeuter

Wie die Totalitarismustheorie die 68er mit dem Kapitalismus versöhnte

Links gestartet, weit rechts gelandet: Über die 68er-Revolte reden, heißt auch, über die 68er-Renegaten zu sprechen. Also über jene revolutionären Wortführer von einst, die sich nach der gescheiterten Revolution – aus welchen Gründen auch immer – von den mehr oder minder marxistischen Zielen verabschiedeten und liberal, konservativ oder gar extrem rechts wurden. Über einzelne, die von Links- nach Rechtsaußen wanderten, ist schon häufig geschrieben worden. Das gilt etwa für Horst Mahler. Weiterlesen

Hamburg unter roten Fahnen

In der Hansestadt wird mit der Ausstellung »Revolution! Revolution?« recht einseitig an den Umbruch 1918 erinnert

Das Symbol der Revolution ist die rote Fahne. Als vor 100 Jahren die Novemberrevolution von Kiel ausgehend Hamburg erreichte, wurden auch hier rote Fahnen geschwenkt. Ab dem 11. November 1918 wehte sie gar am Hamburger Rathaus. Was symbolisch als Sieg der Revolution erscheinen mag, ist es indes nicht. Alle Macht den Räten? Das galt in Hamburg nur für fünf Tage. Dann setzten die Räte die alten Institutionen – Bürgerschaft und Senat – wieder ein, wenngleich sie sich ein Kontrollrecht vorbehielten. Mit den Neuwahlen zur Bürgerschaft Mitte März lösten sich die Arbeiter- und Soldatenräte wieder auf, die rote Fahne wurde eingezogen. Weiterlesen

Eingelullt in der Gegenwart

Seit wenigen Jahren wächst das Unbehagen an der ritualisierten NS-Erinnerung: Warum?

Eigentlich sollte man als Linker ja froh sein. Endlich erinnert die politische Elite Deutschlands nach jahrzehntelangem Schweigen in der Nachkriegszeit nunmehr ausgiebig an Auschwitz, Holocaust und Weltkriegsschuld. Und mahnt, die Verbrechen des von ihr Nationalsozialismus genannten deutschen Faschismus nicht zu vergessen. Weiterlesen

Politisierung und Vergegenwärtigung des Gedenkens

Dana Giesecke/Harald Welzer, Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur, Körber-Stiftung, Hamburg 2012, 187 S., 15 Euro; Margrit Frölich/Ulrike Jureit/Christian Schneider (Hrsg.), Das Unbehagen an der Erinnerung – Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust, Brandes & Apsel, Frankfurt/Main 2012, 239 S., 24,90 Euro.

Seit rund einem Jahrzehnt ist ein fundamentaler Wandel im Umgang mit den präzedenslosen Verbrechen des Nazi-Faschismus festzustellen. Weiterlesen

Die Geschichte blamiert die Idee

Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. C.H. Beck, München 2012, 606 S., 29,90 Euro.
Gruppe INEX (Hrsg.), Nie wieder Kommunismus?, Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Unrast, Münster 2012, 228 S., 14,80 Euro.

Es mag auf den ersten Blick nicht einleuchtend erscheinen, diese beiden Bücher zusammen zu besprechen. Das eine – »Verbrannte Erde« –, in einem großen Verlag erschienen, von dem etablierten Historiker Baberowski verfasst, bereits viel besprochen und mit dem Leipziger Preis der Buchmesse ausgezeichnet, ist eine historische Studie der Gewaltherrschaft Stalins, die auf dem jüngsten Stand der wissenschaftlichen Forschung beruht.  Weiterlesen

Moralisch Maß nehmen

In den 1950er Jahren wurden in Nürnberg die Steine einer zerstörten jüdischen Synagoge für den Bau eines Denkmals zum Gedenken an die deutschen Bombenopfer genutzt. Dieses Beispiel macht anschaulich, was der Essayist und Journalist Eike Geisel über die Situation der frühen Bundesrepublik in folgende Worte fasste: »Die Deutschen hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.«
Insbesondere der Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte in den letzten Kriegsjahren bot sich an, um in diese Opferrolle zu schlüpfen. Weiterlesen

Im Zweifel für Ernst Nolte

Gemeinhin gilt der Ausgang des Historikerstreits als klar: Die sozialdemokratische und liberale Linke um Jürgen Habermas und Hans-Ulrich Wehler fuhr einen Punktsieg gegen Ernst Nolte (und andere neurechte Historiker) ein, der den Holocaust mit der These vom »kausalen Nexus« zwischen bolschewistischen Verbrechen und Auschwitz aus der Kontinuität deutscher Geschichte entfernen wollte. Im Zuge des Historikerstreits konnte sich die These von der Singularität des Holocaust etablieren, die freilich mehre Bedeutungen hat. Weiterlesen

„Rechts, wo die Mitte ist“

In dem Aufruf „Erinnern und Handel. Für mein Dresden“ der Oberbürgermeisterin der Elbmetropole heißt es: “ Wir erinnern an die Zerstörung des Dresdner Stadtzentrums zwischen dem 13. Und 15. Februar 1945 durch alliierte Luftangriffe, an den Tod mehrerer Zehntausender Menschen und das Leid der Überlebenden.“ In dem Mobilisierungsflyer „Gegen Krieg, Bombenterror und Vertreibung“ der (gemäßigt) neofaschistischen Jungen Landsmannschaft Ostdeutschlands (JLO) wird zum Gedenken „der vielen Tausend Toten“ aufgerufen, die durch die Bombenangriffe umkamen. Weiterlesen

Totalitarismus und Unrechtsstaat

Gelegentlich muss man der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für ihre Deutlichkeit einfach dankbar sein. So zum Beispiel, als sie dem ehemaligen Wehrmachtssoldaten und emeritierten Rechtsgelehrten und -philosophen Gerd Roellecke Raum gab, seine Meinung darzulegen zu der in der Öffentlichkeit intensiv diskutierten Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei (15.6.2009). Selbstredend war sie es. Doch nicht diese Antwort ist für das konservative Lager und ihre Publikationen so bemerkenswert, sondern die Art und Weise der Begründung. Kern von Roelleckes Argumentation war ein Vergleich der von ihm unter der Kategorie „Unrechtsstaat“ subsumierten NS- und SED-Regime. Das freilich ist seit dem Anschluss der DDR an die BRD Mainstream, wenngleich zumeist in einer modernisierten (neo)konservativen oder auch liberalen Version, die, um den Vorwurf der NS-Relativierung prophylaktisch zu entkräften, die Singularität und Unvergleichbarkeit der von den Nazis und ihren willigen Vollstreckern begangenen Massenmorde rhetorisch anerkennt. Weiterlesen